Hafenkino

Für die Nichtsegler – Hafenkino ist, wenn man abends nach einem Segeltag gemütlich im Cockpit sitzt, ein Bier trinkt und anderen Seglern bei einem völlig missratenen Hafenmanöver zuschaut.

Gestern gab es in Palmeira auf Sal richtig gutes Hafenkino – und wir waren die Hauptdarsteller.

Eigentlich fing der Tag gut an und wie geplant gab es zum Frühstück das erste selbstgebackene Brot nach gut einer Woche.

Aber das konnte man dann leider schon nur direkt auf dem Cockpit Tisch schmieren, weil die Teller wegen Schwell durch die Gegend sausten. Unser eigentlich schön ruhiger Ankerplatz wurde während des Frühstücks aufgrund hoher Wellen, die vom Meer kamen, zur Brandungszone. Also schnell Anker gelichtet und Schutz gesucht weiter innen im Hafen hinter einer Mole. Schon das Ankerauf Manöver war eindrucksvoll, wenn man so von hinten an die sich brechende drei Meter Welle ranfährt, um den Anker zu lichten. Da denkt man – hoffentlich bricht die nächste auch erst da und nicht schon vorher.

Bild stammt noch vom Vorabend – Welle am nächsten Tag war doppelt so hoch

Die Idee hatten aber nicht nur wir, sondern auch alle anderen Boote aus unserer Nachbarschaft. Entsprechend dicht lagen die Boote hinter der Mole vor Anker und es war nicht leicht, einen passenden Platz zu finden. So sind wir mit unserem 20-Tonnen-Schiff ohne Bugstrahlruder durch ein Gewusel von Fischerbooten, Seglern und im Wasser schwimmenden Leinen gefahren. Schliesslich haben wir einen passenden Platz gefunden, den uns auch einige Fischer als OK signalisiert haben. Also Anker fallenlassen, einfahren, hält. Kurze Zeit, nachdem wir fest lagen, kam ein größeres Fischerboot, das sich direkt hinter uns gelegt hat. Unser Windgenerator kam gefährlich nah an den Bug des Fischers. Also wieder Anker auf, aber der Anker hat sich an irgendetwas am Grund verklemnmt und wollte nicht hoch. Eigentlich befestigt man für diesen Fall beim Setzen eine Leine mit einem kleinen Ball am Anker, um den Anker notfalls über die Leine wieder hochziehen zu können. Nur war es so eng im Hafen, dass diese Leine sofort in der Schraube eines anderen Bootes gelandet wäre, weswegen wir darauf verzichtet haben.

Die Fischer, die direkt hinter uns lagen, haben das Problem gesehen und sofort ein Beiboot mit drei Leuten losgeschickt, zwei davon mit Tauchermaske und einer Sauerstoffflasche. Nach wenigen Minuten haben sie den Anker wieder freibekommen.

So, wie wir jetzt lagen mit dem Fischerboot hinter uns gab es nur einen Weg heraus – und zwar mit einer scharfen Kurve noch tiefer ins Hafenbecken hinein. Leider gab es da eine Untiefe, die bei Niedrigwasser laut Seekarte zwei Meter tief sein soll. Wir hatten zwar kein Niedrigwasser, sind aber trotzdem mit einem Rumms aufgelaufen. Dummerweise war es Stein und kein Sand.

Nach kurzer Zeit waren die drei freundlichen Fischer mit dem Beiboot wieder da, um uns von der Untiefe runterzuziehen. Dazu kamen jede Menge andere Fischerboote, von denen die Besatzungen lauthals riefen, wohin man uns nun ziehen sollte. Jeder gestikuliere laut und zeigte in eine andere Richtung.

Dazu standen auf den um uns herum vor Anker liegenden Yachten alle Besatzungsmitglieder an der Reling und schauten sich das Spektakel an.

Irgendwann bewegte die Sutje sich dann mit vereinten Kräften des Beiboots und unseres Diesels mit Gepolter und Geknirsche vom Fels und schwamm wieder.

Danach hat uns ein anderer Fischer den Weg geleitet zu einer freien Muring (einer Leine, die am Grund an einem Betonklotz befestigt ist). Optimal war der Platz dann auch nicht, da wir für den vorhandenen Platz um uns herum zu groß waren. So hat ein Nachbarboot zwei Relingstützen eingebüsst, bis wir die Muringleine so lang eingestellt hatten, dass wir einigermassen sicher zwischen den anderen Booten lagen.

Die beiden Taucher sind dann nochmal runter, um sich den Schaden anzusehen. Viel haben sie vermutlich nicht gesehen, da dass Wasser sehr trübe ist. Sie haben aber signalisiert, dass alles OK ist. Große Zweifel hatten wir auch nicht, denn unser Langkieler aus Stahl hat eine Kielsohle von 10mm Stärke. Schade nur um die Schichten Antifouling, die die Werft auf Gran Canaria vor einem Monat so schön aufgebracht hat. An der Kielsohle wird da einiges abgekratzt worden sein.

Auch wenn nach all den Katastrophen die Stimmung gestern abend geknickt war, waren wir sehr von der Hilfsbereitschaft der Fischer beeindruckt. Das war trotz allem ein tolles Erlebnis – und sie standen hinterher nicht mit der Rechnung da, sondern haben sich sichtlich gefreut über ein großzügiges Trinkgeld.

Und wir haben wieder einiges gelernt:

  • Dass man auf See häufig sicherer ist als in einem Hafen bei widrigen Bedingungen, ist eigentlich nichts neues für uns. Neu war aber, dass sich die widrigen Bedingungen sehr schnell ergeben können. Es wäre also besser gewesen, nach dem Ankerauf rauszufahren, anstatt sich irgendwo reinquetschen zu wollen.
  • Glaube nicht allen Einheimischen, manchmal divergieren ihre Meinungen um 180 Grad.
  • Verstehe die Tiefenangaben in Seekarten ausserhalb von Mitteleuropa als indikativ, selbst wenn sie mit Nachkommastellen in der Karte stehen,

Glücklicherweise halten sich die Schäden bis auf das geknickte Ego in Grenzen. Lieber so, als mit geknicktem Mast in den Hafen zu kommen, wie dieser Segler gestern abend, der La Gomera nur acht Stunden nach uns verlassen hat.

9 Antworten auf „Hafenkino“

  1. Meine Güte, das ist ja eine aufregende Berichterstattung- und ich freue mich für Euch, wenn es hauptsächlich der Schrecken war, der Euch in die Glieder gefahren ist. Hoffe Ihr habt bald bessere Sicht und könnt Euch selbst davon überzeugen, dass nichts Gröberes passiert ist.
    Ganz liebe Grüße von der Couch

  2. Ujuijuijuijui!!! War spannend zu lesen – wie ein Krimi! Gut, dass es dann doch relativ glimpflich ausging…. zum Glück doch kein Mankell…puuuuh.

    So, nun habt mal ab jetzt ein paar erholsame, nette, schwell-arme Tage – und Hafenkino nur noch vom Zuschauerbereich aus.
    Freue mich auf die nächsten Berichte!

  3. Heijeijei, ihr erlebt Sachen. Und ich dachte die 40 Knoten in der Beschleunigungszone waren knifflig. Aber ist wohl so, wie ihr sagt: manchmal sind widrige Bedingungen besser auf offener See zu beherrschen. Ich drücke die Daumen, das nicht mehr passiert und Schade um das neue Antifouling. Liebe Grüße Reinhard

  4. Moin ihr drei,
    da habt ihr ja eure Pechsträhne innerhalb kürzester Zeit ordentlich abgearbeitet und hoffentlich damit auch erledigt. Freut euch, dass nicht Ähnliches oder Schlimmeres auf dem offenen Meer passiert ist. Also … ärgern, lernen, abhaken, freuen.
    Gruß Heino

  5. Ich kann allen vor mir nur zustimmen…unglaublich …was alles passieren kann.
    Mein Blutdruck ging auch hoch beim lesen.
    Auf dass ihr nun ruhigere Tage habt.

  6. Oh ha, ihr Lieben.. gut das ihr jetzt alles überstanden habt und an Erfahrungen gewonnen habt !! Ganz liebe Grüße
    Alexandra

  7. Hallo, ihr beiden,

    puh, das war ja eine Begegnung der ganz besonderen Art! Vielen Dank für die Berichterstattung!
    Da wird es einem auch in großer Entfernung echt mulmig!
    Euch alles Gute, ich lese regelmässig euren Blog, ich dachte, es wäre mal wieder an der Zeit, dies kund zu tun.
    Liebe Grüße
    Bastien

  8. Hallo ihr beiden,
    hab gesehen ihr seid nun in Mindelo angekommen. Hoffen eure Sutje hat das Hafenkino letztlich gut überstanden. Ja, dem Ego tut sowas auch weh, aber das ist das kleinere Übel. Wichtig ist dass man daraus lernt – und ihr wisst ja dass es zwei Sorten von Seglern gibt: welche die schon auf Grund gelaufen sind und welche die es noch werden….
    Wir wünschen euch eine unspektakuläre Weiterreise
    Steffi & Rolf

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